14. August 2026 - 16. August 2026
Es muss mehr als zwanzig Jahre her sein, seit Sabina und ich das letzte Mal gemeinsam im Engadin waren.
Damals übernachteten wir im Julier Palace in Silvaplana und verbrachten unter anderem einen wunderbaren Abend in der Hotelbar. Wir kamen mit der Bardame ins Gespräch, sie wiederum mit einer Kurzzeitbekanntschaft, und irgendwie wurde daraus einer dieser ungeplanten Abende, die einem länger in Erinnerung bleiben als manches sorgfältig zusammengestellte Ferienprogramm. Den General-Schlüsselbund des Hotels, den sie spät nachts in unserem Zimmer vergessen hatte, steckten wir ihr beim Morgenessen zu...
Leider bekam die Geschichte wenige Wochen später eine ausgesprochen traurige Fortsetzung. Unser gemeinsamer Bekannter verunglückte mit dem Motorrad schwer und ist seither gelähmt. Was für eine Tragik!
Eine zweite Erinnerung jener Reise ist ebenfalls geblieben. Allerdings aus einem ganz anderen Grund.
Das Geisterhotel
Irgendwann an einem Abend dieser Woche fuhren wir in der Dämmerung auf den Parkplatz des Maloja Palace. Ich war ziemlich sicher, dass dieses riesige Gebäude nicht mehr in Betrieb, wenn nicht sogar komplett verlassen war.
Dann hörten wir Musik. Und in einem der Speisesäle sahen wir junge Mädchen mit weissen Häubchen geschäftig hin und her rauschen. Musik. Junge Mädchen mit weissen Häubchen. Ein vermeintlich verlassenes Grandhotel. Dämmerung. Es hatte etwas ausgesprochen Gruseliges.
Wir taten deshalb das, was vernünftige und ausgesprochen mutige Menschen in einer solchen Situation tun: Wir hauten ab. Nicht ohne zu schwören, hier einmal übernachten zu wollen.
Bei Sabina und mir kann „irgendwann“ durchaus etwas länger dauern.
Vom 14. bis 16. August 2026, mehr als zwanzig Jahre später, war es endlich soweit: Wir hatten ein Zimmer im Maloja Palace gebucht.
Ein Belgier mit einer grossen Idee
Dass uns dieses Hotel damals etwas unwirklich vorkam, passt eigentlich hervorragend zu seiner Geschichte.
Ende des 19. Jahrhunderts hatte der belgische Graf "Camille de Renesse" die eher unbescheidene Idee, Maloja zu einem Treffpunkt der europäischen Aristokratie zu machen – eine Art "Monte Carlo der Alpen".
1884 wurde das damalige Hôtel Kursaal de la Maloja eröffnet. Rund 500 Arbeiter waren an dem gigantischen Bau beteiligt. Bei seiner Eröffnung gehörte es zu den grössten Gebäuden der Schweiz. Luxus wurde nicht gerade klein geschrieben: Kristall, Silberbesteck, Billardtische, Badewannen – was Europas begüterte Gesellschaft damals eben brauchte, um sich auch auf 1'800 Metern über Meer angemessen langweilen zu können.
De Renesse soll sogar venezianische Gondeln angeschafft haben. Bei einem Fest wurde ein Saal geflutet, damit die Gäste darin Gondel fahren konnten.
So gesehen waren unsere Mädchen mit den weissen Häubchen noch die harmlosere Erscheinung.
Der Traum vom mondänen Maloja bekam allerdings schon kurz nach der Eröffnung einen kräftigen Dämpfer. Eine Cholera-Epidemie in Italien führte zu Reisebeschränkungen, Gäste blieben aus, Geld wurde knapp. Der Graf ging Konkurs.
Später erlebte das riesige Haus eine wechselvolle Geschichte mit Schliessungen, Wiedereröffnungen und unterschiedlichsten Nutzungen.
Vielleicht hatten wir vor zwanzig Jahren also doch keine Gespenster gesehen.
Obwohl – bei diesem Gebäude würde ich mich bis heute nicht festlegen.
Zwanzig Jahre später und eine faustdicke Lüge
Am Freitag ging es über den Julierpass ins Engadin.
Im Ospizio auf dem Julier machten wir Mittagspause und assen hervorragend. So hervorragend, dass wir zu diesem Zeitpunkt noch der naiven Meinung waren, das Engadin meine es an diesem Wochenende kulinarisch ausgesprochen gut mit uns.
Als wir im Ospizio sassen, nahm an einem Tisch ein älteres Pärchen Platz. Sie ging kurz darauf auf die Toilette. Die Bedienung hetzte Richtung Buffet, er streckte seinen Arm aus, sie fiel fast hin. "Eine Portion Pommes frites, bitte." Seine Frau kam zurück und er meinte: "Ich habe Pommes bestellt." "Ah, Du hast Dir schon Pommes bestellt?!" "Ja, ich musste. Sie hat mich angesprochen und mich zu einer Bestellung aufgefordert!" Ich möchte nicht mit ihm befreundet sein. So ein Halunke!😇
Wir erreichten Maloja, checkten ein und lösten damit endlich unser über zwanzig Jahre altes Versprechen ein. Das Palace ist noch immer ein beeindruckendes Haus. Vielleicht ein wenig in die Jahre gekommen, hier und dort würde etwas Liebe nicht schaden – aber gerade das gehört für mich zu seinem Charme.
Kein steriles Designhotel, bei dem man morgens nicht mehr weiss, ob man in Zürich, Dubai oder Singapur aufgewacht ist. Dieses Hotel hat Geschichte. Und man spürt sie.
Was ich allerdings bei der Buchung reichlich spät entdeckt hatte: Im Juli und August ist das Maloja Palace stark auf orthodox-jüdische Gäste ausgerichtet: Koschere Küche. Eine Synagoge im Hotel. Schabbat. Und sehr, sehr viele schwarze Hüte.
Nun gut. Wir hatten zwanzig Jahre auf diese Übernachtung gewartet. Und niemand hatte verlangt, dass sie langweilig sein sollte.
Offenbar hatten nicht nur wir das Kleingedruckte übersehen
Kurz nach unserer Ankunft folgte bereits die nächste Überraschung. Von unserem Balkon aus sahen wir, wie ein Mann mit dunklem Teint aus einem Auto stieg. Dann folgte seine Begleiterin.
Eine elegant gekleidete muslimische Frau, vollständig verhüllt. Nur ihre Augen waren sichtbar.
Sabina und ich schauten uns an. Ausgerechnet hier?
Ein Hotel, das in diesen Wochen praktisch auf orthodox-jüdisches Leben eingestellt war und nun checkte ein muslimisches Paar ein?
Offenbar waren wir nicht die Einzigen, die bei der Buchung etwas übersehen hatten. Die beiden blieben nur eine Nacht.
Am Sonntag sollte die Geschichte noch eine kleine Fortsetzung bekommen. Ich kam mit einem wirklich netten Zürcher Juden ins Gespräch und fragte ihn, ob er das muslimische Paar beim Einchecken ebenfalls gesehen habe.
Er reagierte vollkommen gelassen:
„Ach, wir haben sogar im Aussenministerium Moslems (er meinte natürlich Israels AM).“
Okay.
Dann zeigte ich ihm das Foto der Frau, das ich in der Lobby aufgenommen hatte.
„WAAAAS? Die hat hier eingecheckt?“
Die Gelassenheit war blitzartig verschwunden. Plötzlich war von Sicherheitsbedenken die Rede.
Ich fand weniger die Frau bemerkenswert als die Reaktion meines Gesprächspartners. Solange sie nur in meiner Erzählung existierte, war alles kein Problem. Dann sah er das Foto.
"Alarmstufe Maloja".
Dabei hatten die beiden nichts Spektakuläres getan. Sie waren in ein Hotel gekommen, hatten eingecheckt, übernachtet und waren am nächsten Tag wieder verschwunden. Eigentlich genau das, was Hotelgäste seit Erfindung des Hotels tun. Nur im falschen Hotel zum unpassendsten Zeitpunkt.
Quöllfrisch und Feldforschung
Nach diesem ersten kleinen Kulturschock beschlossen wir, dass wir für den Freitag genügend Programm hätten. Wir genehmigten uns ein Quöllfrisch und genossen den Abend im Hotel.
Und natürlich beobachteten wir fasziniert das Treiben um uns herum.
Überall wieselte es durch die Gänge. Männer in schwarzen Anzügen und mit hohen Hüten, Frauen, Kinder, ganze Familienverbände. Wir verstanden vermutlich höchstens zehn Prozent dessen, was um uns herum geschah, fanden aber hundert Prozent davon interessant.
Man kann einen Freitagabend schlechter verbringen.
Das Mistkratzerli schlägt zurück
Am Samstag wollten wir dann doch etwas vom Engadin sehen. Wir fuhren über St. Moritz nach La Punt und kehrten zur Mittagszeit im Fö e Flamma ein.
Auf der Karte: Mistkratzerli. Perfekt. Sabina eines, ich eines. Sie sahen gut aus, schmeckten aber eigenartig, mit einer sehr speziellen Marinade. Und leider waren sie nicht ganz durchgebraten. Wir bemerkten es zwar, machten uns zunächst aber keine grossen Gedanken.
Wo ist das nächste Bett?
Auf der Rückfahrt hielten wir zwischen La Punt und St. Moritz am Inn und machten einen Spaziergang. Eine ausgesprochen gute Idee, denn so konnten wir in wunderschöner Engadiner Landschaft beobachten, wie es uns beiden zunehmend beschissener ging. Und zwar gleichzeitig. Aus dem gemütlichen Spaziergang wurde sehr schnell nur noch eine Frage:
Wie weit ist es von hier bis zum nächsten Bett?
Uns wurde brutal schlecht. Wir brachen sämtliche Vorhaben ab und fuhren so schnell wie möglich zurück ins Maloja Palace. Dort legten wir uns hin.
Wer Mr. Bean nach dem Genuss seiner Austern kennt, kann sich ungefähr vorstellen, wie wir uns fühlten.
Schabbat fast aus der Horizontalen
Damit hatte sich unser sorgfältig nicht vorhandenes Samstagsprogramm erledigt. Statt Engadiner Seen, Bergpanoramen und irgendwelcher Sehenswürdigkeiten gab es Maloja Palace. Sehr viel Maloja Palace.
Immerhin war Samstag – Schabbat – und damit gab es im Hotel einiges zu beobachten.
Besonders fielen mir Männer mit ihren hohen Hüten auf, die immer wieder vor einen älteren Mann traten und sich vor ihm derart ausdauernd und hektisch verbeugten, dass ich mir irgendwann Sorgen um ihre Bandscheiben machte.
Dann wurden Weinflaschen feierlich entkorkt. Ich lernte dabei etwas ausgesprochen Wichtiges:
Wein braucht offenbar unter gewissen Umständen religiöse Aufmerksamkeit. Bier nicht. Es gibt also Konstanten im Leben, auf die man sich verlassen kann.
Wir kamen mit Helene ins Gespräch, einer Zürcher Jüdin, wohnhaft in London. Fast hätte ich „wahnhaft“ geschrieben. Eine kleine Ahnung weshalb.
Helene erzählte uns einiges über den Schabbat, über Traditionen und über die religiösen Schriften, in denen die Frauen an diesem Tag gerne lesen. Sie wirkte auf mich sehr intelligent, offen und angenehm. Sie meinte auch, Juden seien ein friedliches Volk, wenn man sie in Ruhe lasse.
Nun könnte ich an dieser Stelle einen längeren Exkurs über Weltpolitik beginnen. Ich lasse es lieber.
Interessanter fand ich ohnehin, für ein Wochenende einen kleinen Einblick in eine Welt zu bekommen, die sich von unserer fundamental unterscheidet. Vieles erschien uns fremd. Manches faszinierend. Manches werde ich vermutlich nie verstehen. Und ich muss es auch nicht. Man kann beobachten, fragen und zuhören, ohne anschliessend derselben Meinung sein zu müssen.
Einen einzigen Punkt am Judentum fand ich allerdings schon immer sympathisch: Es missioniert nicht.
Niemand klopft an meine Haustür und versucht mich davon zu überzeugen, dass ich dringend Jude werden sollte. Im Gegenteil: Eine Konversion zum Judentum ist zwar möglich, aber traditionell alles andere als ein unkomplizierter Vereinsbeitritt. Jeder soll glauben, was er will. Solange er mir nicht erklärt, dass ich dasselbe glauben muss.
Ab nach Hause
Am Sonntag ging es unseren Mägen etwas besser. Die Betonung liegt auf "etwas". Da Sabina sehr viel weniger von dem Güggel gegessen hatte, war sie am Sonntag eigentlich schon fast wieder okay. Bei mir flatterte das Mistkratzerli noch fast eine Woche in meinen Eingeweiden herum.
Unsere Lust auf weitere kulinarische oder touristische Experimente hielt sich deshalb in überschaubaren Grenzen. Wir packten unsere Sachen und machten uns auf den Weg zurück nach Dietikon.
Damit endete unser erstes Engadin-Wochenende seit über zwanzig Jahren wesentlich weniger aktiv als geplant. Aber vielleicht sind genau das die Reisen, an die man sich später erinnert.
Wir hatten endlich in diesem geheimnisvollen Grandhotel übernachtet, vor dem wir damals beinahe fluchtartig davongefahren waren.
Wir waren für ein Wochenende in eine für uns ziemlich fremde religiöse Welt geraten.
Wir hatten eine vollständig verhüllte Muslimin in einem orthodox-jüdisch geprägten Hotel getroffen.
Wir hatten gelernt, dass Wein komplizierter sein kann als Bier.
Und wir hatten herausgefunden, dass zwei nicht ganz durchgebratene Mistkratzerli ausreichen, um das touristische Programm eines Wochenendes im Engadin auf einen (Flügel-)Schlag zu erlegen.
Vor allem aber hatten Sabina und ich endlich im Maloja Palace geschlafen.
Und kein einziges Mädchen mit weissem Häubchen kam nachts in unser Zimmer. Zumindest haben wir keines bemerkt. Allerdings ging es uns derart schlecht, dass ein Geist problemlos durch unser Zimmer hätte schweben können und wir vermutlich nur gesagt hätten: „Mach bitte die Tür hinter dir zu.“
14. August 2026
15. August 2026

An diesem idyllischen Flecken mit Blick auf den schon mächtigen Fluss ging es mir schon hundsmiserabel. Mir war, als hätte das Mistkratzerli in meinem Magen seine Flügel ausgebreitet.
Genau so dramatisch wie auf diesem Bild ging es in unseren Mägen los. Wir wollten nur noch eins: Im Hotelzimmer aufs Bett sinken.
17. Mai 2026

























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