730andmore

730andmore
Dieses Blog wurde im März 2010 eröffnet. Am 1. April 2010 starteten meine Frau Sabina und ich zu einer 2-jährigen Weltreise, die uns durch die USA, Karibik, Kroatien, USA, Kanada, Hawaii, Australien und Thailand führte. 730 Tage später waren wir wieder in der Schweiz sesshaft. Das Reisen wird uns nie mehr loslassen. Ebenso die Fotografie.

8. Oktober 2010

Walk through the World with me - Rückblicke



Von der Westcoast durch Arizona, über das wilde Utah, „Island in the Sky“ überflogen, nach Salt Lake City mit Antelope Island, durch Wyoming in die „Mile high City“ Denver, das windige Kansas hinter uns gelassen und in Oklahoma fast einen Club gegründet, bis tief nach Texas hinein. Ganz am Anfang hat uns ein mächtiges Erdbeben in San Diego durchgeschüttelt. Das war vor über 6 Monaten.

Die Tage sind schnell vergangen, während dieser Zeit gingen die Börsen ihren Weg von Auf und Ab, die Weltwirtschaft ist an einem Tage auf gutem Wege, am nächsten drohen schwarze Wolken das Wachstum zu ersticken und Währungskriege verlängern die nie endende Liste der Krisen dieser Welt. Mein Blog gibt etwas mehr Arbeit als gedacht, dafür sind die zahlreichen Leser der Lohn. Regelmässige Hits kommen aus der Schweiz, Deutschland, Oesterreich, USA, Singapore, Slowenien und ein paar aus Canada und Frankreich. Gegen 300 Leser werden es sein. Der Kontakt mit der Schweiz ist nie abgerissen. Dort geht alles seinen geregelten Lauf. Es wurden zwei neue Präsidenten gewählt und dass die Schweiz deren sieben hat, war dem kenianischen Taxifahrer in Dallas nicht zu erklären. Ein netter Typ, der sich während der Fahrt zum absoluten Arschloch entwickelte. Seine Offerte von 10 Dollars schnurrte er mit allerlei Gejammer auf 60 hoch. 

Aber mit Taxifahrern streite ich aus Prinzip nicht. Eine Diskussion mit denen endet im besten Fall mit einem Rausschmiss oder im schlechtesten mit einer Zankerei um das abgesprochene Fahrgeld. Diese besserwisserische Spezie der menschlichen Gesellschaft ist es einfach nicht wert. Das war in der Schweiz nicht anders und so bin ich früher manchmal als frauenverachtender Chauvinist, glühender Sozi, vielfach als Afrika - und nicht selten als Galatasaray Istanbul-Fan vom sündigen Zürich ins beschauliche Meilen chauffiert worden.

Sonst haben wir auf unserer Reise aber nur nette Menschen kennengelernt und vor allem fantastische Landschaften gesehen. Manchmal ist aber gar nicht das Grosse wichtig. Es sind die kleinen Begebenheiten, die das Leben ausmachen. Wie der Bub am Wegesrand, der ungelenk seinen Drachen steuert und einem bewusst macht, dass man auch mal einen hatte. An dem man sich an guten Tagen erfreute und der an anderen kaum mehr zu flicken war. Der Rekord in meinem Dorf lag bei 300 Metern Schnur, so sagte man. Vielleicht hätte ich das auch mal geschafft, wenn mich nicht kurze Zeit später tuschelnde Mädchen und um das offene Feuer kreisende Joints in lauen Sommernächten auf der Wiese am See mehr fasziniert hätten. Vielleicht auch, weil die Liebesmüh von den Mädchen viel schneller und mit nassen Küssen belohnt wurde. Aber einige meiner Freunde konnten von Drachen die Finger nie lassen und streiten heute um das Sorgerecht und die Scheidungsformalitäten in einem nicht nachvollziehbaren Rosenkrieg.

Nach all den Städten zog es uns wieder in die Natur. Wir verliessen San Antonio und fuhren auf dem Highway 90 Richtung Del Rio am Rio Grande. Vorbei an riesigen und manchmal skurrilen Werbetafeln: „Need a Ranch? Call 949 547 01 35“. Na ja. Hab’ ich mir gar noch nie genau überlegt. Aber klar, könnte passen, da ruf' ich doch gleich mal an...


Der Highway nach Del Rio weist nicht viele Kurven auf. Wieder fuhren wir auf schnurgeraden Strassen in diesem weiten Land unserem Ziel entgegen. Am Strassenrand sassen jetzt wohlgenährte Geier, zufrieden den Kopf wiegend mit der Gewissheit, am nächsten Tag ihr Essen nur von der Strasse kratzen zu können. Ein Leichenschmaus, offeriert von Tieren, die in der dunklen Nacht, gefangen im plötzlichen Lichtkegel der rasenden Geschosse der Zweibeiner, keinen Ausweg mehr sehen und einen gewaltsamen Tod finden. Nur die eigene Gier lässt die Geier manchmal zu lange auf dem Highway hocken und nicht selten werden sie selber zum fürstlichen Mahl.

Scharfe Kontrollen entlang der Grenze

Der einsame Harley-Fahrer mit blutleeren Armen, der dich überholt und immer kleiner werdend und weit entfernt sich in der flimmernden Luft am Horizont in ein Phantom auflöst, das monotone Dröhnen deines Motors und die am Radio gespielten Lieder wie Zac Browns „Chicken Fried“ oder gar das Walk through the World with me von Marc Cohn, versetzen dich in einen Zustand der Leichtigkeit. Einen Zustand, der weite Fahrten zur Sucht machen kann. Dann schweifen die Gedanken ab und kreisen um Vergangenes, um Glück und Unglück, Schmach und Leid. In diesen seltenen Stunden, während denen die Zeit vermeintlich stehen bleibt, siehst du fremde Missetaten in einem anderen Licht und vergibst dir deine Eigenen.

Auf dem Weg nach Del Rio

Aber irgendwann kommst du trotzdem an. In Del Rio am Rio Grande. Eine Stadt mit 50000 Einwohnern, 5 Meilen lang, am Highway 90 gelegen. Eine Stadt an der mexikanischen Grenze, obwohl du dir sicher bist, dass du diese schon längst überschritten hast. Deren Einwohner in alten Ami-Schlitten oder aufgemotzten Chevrolets die Strassen befahren und die den fotografierenden Gringo im Historic Heart, mit seinen wenigen Steinhäusern und den angrenzenden Bretterbuden, beobachten und du dich fragst, ob sie dich als Opfer, Täter oder Freund sehen. In der dunklen Nacht äsen scheue Rehe vor deinem Fenster auf dem Campground. Von denen gibt es jede Menge hier. Man kann bei fast jeder Ranch mit auf die Jagd gehen. Auch sonst zeigen sich die Texaner wenig zimperlich. Fleisch wird an Tankstellen in Plastiksäckchen mit dem Slogan verkauft „you kill it, we grill it“!



Carmen, "unfortunately born in Del Rio"
farbiges Del Rio
Vor Langtry

Wir besuchten Langtry, nur 60 Meilen entfernt, ein Dorf mit geschätzten 50 Einheimischen, das vom Ruf des legendären Richters Roy Bean lebt, der als ehemaliger Verbrecher am äussersten Rande von Texas im 19. Jahrhundert mit seltsamen Urteilen zu Ruhm gelangte. Die Legende sagt, dass er die meisten Angeklagten mit Tod durch Hängen bestrafte, aber im Nachverfahren alle laufen liess. In diesem einsamen Flecken konnte ich es nicht unterlassen, ein Haus und dessen Willkommensgruss zu fotografieren „NO TRESPASSING, VIOLATORS WILL BE SHOT, SURVIVORS WILL BE SHOT AGAIN!“ Sabina meinte, das sei keine gute Idee und als Gus, die deutsche Dogge mit seinem Herrn aus dem Haus trat, ahnte ich Böses. Indes gab uns der freundliche Gunman einen Tipp wo wir den Rio Grande überblicken können und stellte sich auch noch einem Familienfoto. Lang lebe Texas!

Gus und Gunman
Nichts zu spassen, die findet man überall
Familienfoto
Der Tipp vom Gunman
Highway 90 über den Rio Pecos

Weiter ging’s nach Marathon, 1400 Meter hoch gelegen und 160 Meilen westwärts. Ein 500 Seelen Dorf, das aus den Städten flüchtende Künstler aufleben lassen. Künstler wie Wesley Spears, ein Vietnam Veteran, der nach harten und guten Zeiten und sieben Jahren Nichtstun in Florida seine Passion in der Herstellung von Stühlen und Tischen gefunden hat. Wes, der uns während einer Stunde seine Werkstätte gezeigt hat und uns in seine Gedankenwelt versetzen wollte. Einer, der immerzu Gott dankt und der, mit vielen Talenten gesegnet, immer neue Projekte verwirklicht haben möchte. 

Im Vorgarten von Wes
Wes im Element
Sabina auf einem seiner Stühle
Blick ins Künstlers Vorzimmer
echte Kunst!

In Marathon, mit einem Hotel und Restaurant, das keine Vergleiche fürchten muss, eher alle gewinnen würde. Immer wieder werden wir überrascht. Ein Hotel vom Allerfeinsten, das aber an einer Bahnlinie liegt, auf der die Züge in der Nacht mit durchdringendem Hornen dem Ruhenden den Schlaf rauben.

Abendmahl im Gage
Wandschmuck im Gage

Auf andere Art wurden wir von unserem eigentlichen Ziel, dem Big Bend National Park überrascht. Wir fuhren 250 Meilen an einem Tag durch diese mehr oder weniger eindrückliche Gegend, badeten unsere Füsse im Rio Grande und hörten „Singing Victor“, der mit lauter Stimme am mexikanischen Ufer des Rio Grande launige Liebeslieder über den Fluss schmettert, nur um ein paar lausige Dollars von den wenigen Touristen zu ergattern. Wenn auch illegal, von uns erhielt er deren drei.

Blick vom Campground in Marathon
Schutzhund der Bank in Marathon
Gemäss Prospekt "most scenic view" vom Rio Grande
im Big Bend NP
könnte ein Raumschiff sein
typische Landschaft im Big Bend
Sunset im Campground, so noch keinen gesehen

In diesem einsamen Streifen der Welt sieht man seltsame Lichter und einige Alien-Freaks künden von fremden Besuchern. Man sollte aber nie jemanden unterschätzen. Als wir im „Gage“ in der Bar noch ein Bier zu uns nahmen und zwei stattliche Texaner uns die Sicht nicht vom im Fernsehen laufenden Baseballgame nehmen wollten, bluffte ich in breitem Slang „No problem, I watch Football“. Der eine musterte mich spöttisch und meinte „I bet you watch Soccer!“ Amerikaner haben mehr drauf als wir uns in Europa immer einreden. In Dallas kam ich mit einem Seismologen ins Gespräch, der für die Auffindung von neuen Oelfeldern zuständig ist und immer wieder Neue findet, sogar in Long Beach, LA. Auf meine Frage, warum die USA dann Oel importiere, meinte er, es sei klüger, zuerst das Fremde zu gebrauchen...

gehört zur Gegend

Es gibt schon Gründe, warum die National Parks der anderen Staaten grössere Bekanntheit geniessen. Im „lonely planet“ USA liest man „Happiness is Marathon in my rearview mirror...“ Auch wir fuhren einen Tag früher als geplant nach Del Rio zurück. Am gleichen Tag, als Gotthard-Sänger Steve Lee das Zeitliche segnete und ich einige Mails aus der Schweiz erhielt, alle mit der Message, dass das Leben kurz und unberechenbar sei und man jeden Tag geniessen solle. Aber ganz abgesehen von der ganzen Erkenntnis und Tragik. Als Rockstar erschlagen von einer Harley... Was für ein Abgang!


 so long

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Du bist ja ein richtiger kleiner Philosoph geworden - früher hat sich deine Philosophie auf die "Glas halbvoll - Glas halbleer" Diskussion beschränkt. Und diese hast du gekonnt durch schnelles Nachbestellen beendet. Gruss Seemä

Gerold Guggenbuehl hat gesagt…

Da hättest Du jetzt ruhig erwähnen können, dass ich Dir immer auch eines mitbestellt habe! Und wer kam eines Abends heim und seine Frau meinte er sei abgestochen worden, dabei waren es nur ein paar Margerita-Flecken, hä??:-) Gruss Guggi